Guten Morgen liebe Gemeinde,

es ist mir eine Ehre hier oben stehen zu dürfen. Dafür danke ich Pfarrer Joachim Triebel-Kulpe und den Presbyter/inne/n der Ev. Kirchengemeinde Almersbach.

Mein Name Ist Christa Kuon-Rehm und ich war bis vor zwei Jahren Lehrerin hier am Westerwald-Gymnasium in Altenkirchen.

Eigentlich bin ich im Innersten immer noch Lehrerin, das geht ja nicht weg.

Und so freue mich sehr, Ihnen zwei Geschichten zu erzählen, die mich in meinem ganzen Berufsleben begleitet haben.

Die erste ist das Gleichnis vom verlorenen Schaf.

Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte;lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn es geschieht, dass ers findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So ists auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde. (Die Bibel Matthäus 18,12-14)

Ein Lehrer oder eine Lehrerin sollte meinem Verständnis nach so sein. Sie sollten auf die ihnen anvertrauten Kinder aufpassen und sie umsorgen wie ein Hirte seine Schafe. Sie sollen sich um ihr Wohl kümmern und ihnen das beibringen, was wichtig ist. Geht eines verloren, so gehen sie auf die Suche, bis sie es gefunden haben. Und dann freuen sie sich über das eine Schäfchen.

Wenn das alles so leicht wäre! Der Zwiespalt im Lehrerleben ist ein großer. Ich will es am Beispiel des Hirten erläutern.

Der Hirte lässt 99 Schafe zurück. Was ist mit ihnen? Niemand sorgt sich jetzt um sie, niemand beschützt sie. Verstehen sie es, dass sie allein gelassen werden? Verzweifeln sie ohne Beschützer? Bleiben sie zusammen oder rennen sie in alle vier Himmelsrichtungen?

Und das Schaf, das sich verstiegen hat? Hat es eine Ecke mit besserem Gras gefunden, oder ist es ganz verträumt irgendwo falsch abgebogen? Oder wollte es einfach seine Ruhe haben vor dem ganzen Geblöke der anderen?

Jedenfalls wird ihm nicht wohl sein. Es steht vielleicht hilflos an einer Felsenkante und weiß nicht weiter.

Und der Hirte versucht sich nun in das Schaf hinein zu versetzen. Wo hat er es das letzte Mal gesehen, wo gab es Wegkreuzungen, wo man falsch abbiegen konnte. Ist es ein verwegenes Schaf, das fehlt, oder ein ganz ängstliches, das sicher irgendwo stehen geblieben ist?

Die Sorge um das verlorene Schaf treibt ihn, und die Sorge um die Zurückgebliebenen ebenfalls.

Hätte er bleiben sollen? Sind die 99 Schafe mehr wert als das eine?

Wenn er kaufmännisch denken würde, ja. Ein bisschen Schwund ist immer, würde er danndenken. Aber so ist er nicht. Er will für alle da sein und das zerreißt ihn fast.

Er hetzt und sucht und versucht die Hoffnung zu bewahren. Es darf einfach nichts Schlimmes passiert sein. Und irgendwann findet er das verlorene Schaf hinter einem Felsen, still vor sich hinzitternd. Voller Freude packt er es, legt es sich um die Schultern, es kann ja nicht mehr laufen, und geht mit großen Schritten zurück zu den anderen. Was freuen sie sich jetzt alle!

Zweites Gleichnis aus Matthäus:

Ich lasse ein paar Sätze aus. Man möge mir das nachsehen.

Darum sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?

Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat. (Matthäus 6,25-26.28-29.34)

So viele Situationen fallen mir ein, in denen ich mich so gesorgt habe. Was ist, wenn auf einer Klassenfahrt einem Kind etwas passiert? Was ist, wenn ein Jugendlicher etwas anstellt und wir bekommen es nicht gleich mit? Eigentlich ist nie etwas Schwerwiegendes passiert in 41 Jahren. Wenn es dann ganz schlimm wurde mit der Sorge, dachte ich immer an die Vögel im Himmel und die Lilien auf dem Felde.

Wir sollen uns ja nicht sorgen um alles und jedes. Und uns ein Beispiel nehmen: die Vögel säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht. Und doch ist für sie gesorgt.

Und die Lilien? Wunderschön! Ihr Leben wird irgendwann vergehen, doch jetzt blühen sie einfach in den Tag hinein.

Und wir zweifeln und zagen? Wir überlegen uns andauernd, was noch passieren könnte. Wir freuen uns nicht mehr an der Sonne, dass wir genug zu essen haben und ein Dach über dem Kopf. Mehr brauchen wir doch eigentlich nicht.

Wir verbieten uns sogar manchmal das Lächeln, wir nehmen uns durch die Sorge die Freude am Dasein.

Und was verbindet beide Geschichten? Es ist das Vertrauen.

Die 99 Schafe vertrauen darauf, dass der Hirte wieder kommt. Und sie werden nicht enttäuscht. Sie wissen jetzt, dass der Hirte sie auch suchen würde, wenn sie verloren gegangen wären. Und das verlorene Schaf? Es hat vielleicht gewartet und darauf vertraut, dass es gesucht und gefunden wird.

Und der Hirten vertraut seinen Schafen, dass sie nicht weglaufen, wenn er nicht da ist.

Die Spatzen vertrauen darauf, dass sie schon irgendwo Futter finden werden am nächsten Tag. Die Lilien sind einfach schön, ohne irgendwelche Absicht.

Das Vertrauen hält uns am Leben. Und gibt uns Lebensfreude und Zuversicht. Unsere Lebensgrundlage ist das Vertrauen, die Voraussetzung für alles Gelingen. Eltern vertrauen ihren Kindern, dass sie mit dem Rüstzeug, das sie ihnen gegeben haben, gut durch‘s Leben kommen. Lehrer und Lehrerinnen vertrauen ihren Schülern, dass sie sich auch von selbst an Regeln halten, auch wenn die Lehrkraft gerade nicht da ist. Und sie vertrauen ihnen, dass sie mit dem Wissen und Können später auch etwas anfangen und mit Mut und Zuversicht weiter durchs Leben gehen. Arbeitnehmer vertrauen ihrem Arbeitgeber, Arbeitgeber vertrauen ihren Angestellten. Wir vertrauen unseren Ärzten und Ärztinnen, wir vertrauen den Menschen bei der Bank, wir vertrauen der Verwaltung, der Justiz und der Politik, dass sie alle auf unsere Rechte achten.

Manchen von uns ist das Vertrauen abhandengekommen. Sie sind misstrauisch geworden und halten die, die das nicht sind, für vertrauensselig und ein bisschen dumm. Und vielleicht sollte man gerade da beginnen, das Vertrauen zu lernen und selbst jemand zu sein, auf den Verlass ist, dem man trauen kann.

Was ist die Botschaft? Verzagt nicht, lasst euch nicht zerfressen von all dem, was sein könnte. Vertraut einfach darauf, dass es gut wird. Alles fügt sich, wie meine Freundin sagt.

Die Bibel ist ein Plädoyer für das Vertrauen.

Das hat mir schon oft geholfen, wenn ich nicht mehr weiterwusste, wenn es so aussah, als ob alles zu Ende wäre.

Auch die Ev. Kirchengemeinde Almersbach hat mir großes Vertrauen entgegengebracht, und sich darauf verlassen, dass ich hier oben keinen Blödsinn rede. Für dieses Vertrauen bedanke ich mich sehr herzlich. Und Ihnen und Euch danke ich für‘s Zuhören.

Christa Kuon-Rehm